Kinderdiabetologin Katja Schaaf im Interview

„Das dürfen Eltern dann bitte nicht persönlich nehmen"

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Die Diabetologin Dr. Katja Schaaf plädiert für einen gelasseneren Umgang von Eltern mit dem Diabetes ihrer Kinder – auch wenn das mitunter gar nicht so einfach ist.

Manchmal ist es eine provokante Zuspitzung, die eine Sache ganz besonders auf den Punkt bringt. „Ein Blutzuckerwert von 350 mg/dl ist auch super“, sagt die Kinder- und Jugenddiabetologin Dr. Katja Schaaf. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass der Wert tatsächlich super ist. Gerade wenn Kinder und Jugendliche aber mal einen außergewöhnlichen Blutzuckerwert hätten, gebe es für Eltern die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Nachwuchs zu erforschen, wie dieser Wert denn zustande kam – und was man fortan eventuell anders machen kann.

„Locker heißt gelassen“

Ganz generell empfiehlt die Medizinerin einen möglichst lockeren Umgang von Eltern mit dem Diabetes von Kindern und Jugendlichen. Dabei darf „locker“ aber keinesfalls mit nach- und schon gar nicht mit fahrlässig verwechselt werden. „Locker heißt gelassen“, unterstreicht Schaaf, die zum Thema auch das Buch „Manchmal hat's mit Zucker nichts zu tun: Ein Plädoyer für einen gelasseneren Umgang mit Blutzuckerwerten“ geschrieben hat. Werte seien eben manchmal zu hoch und manchmal zu niedrig. Da man das im konkreten Moment aber sowieso nicht ändern könne, sei wichtig, dass es dann keine Schuldzuweisungen wie „du hast nicht aufgepasst“ oder „du hast bestimmt heimlich genascht“ gebe. So etwas erzeuge nur zusätzlichen Druck und erreiche gerade bei Jüngeren meist gar nichts.

Katja Schaaf im Gespräch live

 

Am Donnerstag, 10. Juni um 19 Uhr steht Euch Katja in einem Mix aus Coaching und ungezwungenem Austausch in einer DIA-AID live - Typ F-Videokonferenz zur Verfügung. Gern nimmt sie im Vorfeld Eure Fragen und Anregungen entgegen.

Weitere Infos und Anmeldung hier

„Im Vergleich zu Erwachsenen leben Kinder eher im Hier und Jetzt“, erklärt Schaaf. Das bedeutet: Kinder registrieren einen hohen Wert meist vergleichsweise entspannt – schließlich tut das ja im Moment auch nicht weh. Eltern hätten hingegen schnell mögliche Folgeschäden im Blick. Der dadurch aufgebaute Stress übertrage sich dann auf die Kleinen.

Herausforderung während der Pubertät

Wenn die Kinder älter werden, stelle sich die Situation noch einmal anders dar. „Jugendliche finden ihren Diabetes meistens schon so richtig … also ich habe da wirklich schon diverse Schimpfwörter gehört!“, so Schaaf, die auch eine Coaching-Ausbildung absolviert hat. Man müsse aber eben auch verstehen, dass das für die Heranwachsenden gerade in der Pubertät eine wirklich herausfordernde Situation sei: „Sie bewerten den Diabetes negativ – und damit sich selbst manchmal auch, schließlich ist der Diabetes ein Teil von ihnen“, erklärt Schaaf. „Wenn Eltern das verstehen, kommen sie auf eine ganz andere Ebene mit ihren Kindern.“

Dazu gehöre auch, bei zu hohen oder zu niedrigen Werten – Schaaf empfiehlt hier nie von „guten“ oder „schlechten“ Werten zu sprechen –, gemeinsam und möglichst emotionslos mit den Jugendlichen nach den Ursachen zu suchen und Hilfe anzubieten, auch wenn die dann möglicherweise mal abgelehnt wird. „Das dürfen Eltern dann bitte nicht persönlich nehmen“, so Schaaf.

Lebensqualität erhalten

Die Herausforderung für Eltern sei es, einen Spagat zu finden zwischen der nötigen Kontrolle, die gerade Jugendliche natürlich ohnehin nicht besonders prickelnd finden, und einem gewissen Maß an Vertrauen in sich selbst und in das Kind. „Es gibt ja Eltern, die ständig auf die Follower-App schauen und ihr Kind bei jedem Anstieg und Abfall kontaktieren“, sagt Schaaf. „Aber was haben die davon? Verbessert das tatsächlich die Einstellung oder baut es nur mehr Anspannung auf? Schließlich können sich die Eltern dann kaum noch auf ihr eigenes Leben konzentrieren – und die Kinder sind maximal genervt.“

Dass es insgesamt darum gehe, die Lebensqualität zu erhalten, macht Schaaf an einem Beispiel aus einer Kita deutlich. Dort bekamen an einem heißen Tag alle Kinder ein buntes Wassereis – nur ein Kind mit Diabetes erhielt lediglich einen Würfel gefrorenes Wasser. „Was das bei einem Kind anrichtet, ist doch wirklich ein viel zu hoher Preis“, so Schaaf. „Dann doch lieber ein richtiges Eis. Das lässt den Blutzucker vielleicht mal etwas steigen – aber das kann man ja ausgleichen. Und dann ist es auch wieder gut!“