Antrieb leuchtende Kinderaugen

Mit Fahrrad und Zelt quer durch Deutschland für Kinder mit Diabetes

Eisige Nächte im Zelt und tausende Kilometer im Sattel: Sven Glaß radelt in der kommenden Eishockey-Saison zu jedem Sonntagsspiel der Fischtown Pinguins quer durch die Republik. Im Interview erzählt er, warum er mit dieser Extrem-Tour Spenden sammeln und Vorurteile über Diabetes Typ 1 bei Kindern bekämpfen will.


Von Bremerhaven bis Ingolstadt und von dort aus quer durch die gesamte Bundesrepublik – Sven Glaß ist kein Mann für halbe Sachen. Während andere sich in Herbst und Winter die Heizung aufdrehen, packt der 46-jährige Wahl-Bayer sein Zelt aufs Fahrrad und begibt sich auf eine Reise, die selbst erfahrenen Athleten Respekt einflößt. Sein Ziel: Jedes Sonntagsspiel seines Eishockey-Herzensvereins, der Fischtown Pinguins Bremerhaven, zu erreichen. Doch hinter den tausenden Kilometern im Sattel und den eisigen Nächten im Freien steckt weit mehr als bloßer Fan-Enthusiasmus und Begeisterung fürs Extreme.

Es ist eine Tour für seine Tochter Rosa und ein Kampf für mehr Sichtbarkeit eines Themas, das oft missverstanden wird: Diabetes Typ 1 bei Kindern.

Doch wie wird aus einem Jungen, der einst behauptete, gar nicht Rad fahren zu können, ein Extrem-Radler? Was treibt einen Vater dazu, die Komfortzone komplett aufzugeben und sich den Strapazen und der Kälte einer Fahrradtour quer durch Deutschland auszusetzen? Und wie kann eine einfache Fahrradtour das Leben von Kindern mit Diabetes ein Stück weit verbessern? Unser Interview mit Sven gibt Aufschluss.

Sven, deine Freunde bezeichnen dich als „verrückten Kerl“ und wer Dich heute live erlebt, scheint einen leidenschaftlichen Radfahrer vor sich zu haben, der vom Drahtesel kaum runterkommt. Aber es gibt da eine kuriose Geschichte aus deiner Jugend beim Fußball – du und das Fahrrad, das war keine Liebe auf den ersten Blick, oder?

Sven:  (lacht) Das kann man wohl sagen! Früher wollte ich mit dem Drahtesel gar nichts am Hut haben. Ich erinnere mich noch gut an ein Trainingslager. Die Trainer meinten, wir sollten mit dem Rad zum Platz fahren, statt den Bus zu nehmen. Ich hatte da so gar keinen Bock drauf. Ich habe den Trainern eiskalt ins Gesicht gelogen: „Ich kann gar nicht Rad fahren!“ Ich bin standhaft geblieben, sie haben es mir geglaubt und wir durften weiterhin mit dem Bus zum Training zuckeln. Dass ich heute fast mein ganzes Leben im Sattel verbringe, hätte ich damals im Traum nicht gedacht.

Heute lebst du in Ingolstadt, stammst aber gebürtig aus Bremerhaven. Deine Leidenschaft gehört der Eishockey-Mannschaft „Fischtown Pinguins“. Wie kamst du auf die Idee, dein Fan-Dasein mit einer extremen Radtour zu verbinden?

Sven: Die Idee entstand letztes Jahr im März im Zug, direkt nach dem Viertelfinal-Aus gegen die Kölner Haie. Ich wollte meine drei großen Leidenschaften zusammenbringen: meine Tochter, das Radfahren und Eishockey. So wurde der Plan geboren, in der kommenden Saison zu jedem Sonntagsspiel der Pinguins mit dem Fahrrad zu fahren – quer durch Deutschland, von September bis März, also auch tief im Winter. Dass ich das kann, habe ich bei einer „Testaktion“ im Finale 2024 gemerkt: Da bin ich in neun Tagen 1600 Kilometer geradelt, jeden Tag 200 Kilometer zwischen den Finalorten hin und her.

Du hast dir vorgenommen, die gesamte Hauptrunde durchzuziehen und dabei konsequent im Zelt zu übernachten. Das klingt nach einer gewaltigen logistischen und körperlichen Belastung. Warum verzichtest du auf den Komfort eines Hotels?

Sven: Ein Hotel ist finanziell einfach nicht drin. Außerdem ist das die zusätzliche Challenge. Ich habe alles dabei: Zelt, Schlafsack, Isomatte, Ersatzteile. Ich werde pro Tag zwischen 90 und 120 Kilometer abspulen. Aber ich setze auch auf die Eishockey-Community und die Menschen unterwegs. Ich teile meine Routen vorab auf Instagram. Wenn jemand sieht, dass ich durch seinen Ort komme und mir ein Dach über dem Kopf oder auch nur einen heißen Tee anbieten möchte – das wäre mega! Im Winter kann es echt „arschkalt“ werden, da freut man sich über jede menschliche Wärme.

Hinter dieser sportlichen Höchstleistung steckt ein sehr ernster und persönlicher Hintergrund: Deine siebenjährige Tochter Rosa. Was genau ist dein Anliegen?

Sven:  Rosa ist mit drei Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt. Ich möchte das Thema sichtbarer machen. Viele Leute denken immer noch, diese Kinder seien „krank“ oder „schwach“. Aber das Gegenteil ist der Fall: Sie sind unglaublich stark, weil sie jeden Tag ihren Stoffwechsel kontrollieren und ihre Blutzuckerwerte meistern müssen. Trotzdem erleben sie oft Ausgrenzung, werden nicht zu Geburtstagen eingeladen oder dürfen bei Schulausflügen nicht mitmachen. Ich möchte sensibilisieren und zeigen: Mit der richtigen Unterstützung ist fast alles möglich.

Mit deiner Aktion sammelst du auch Spenden für die Diabetiker Niedersachsen. Was möchtest du den betroffenen Kindern ermöglichen?

Sven: Ich möchte danke sagen für die Unterstützung, die Rosas Mama durch den Verein erfahren hat. Mein Ziel ist es, Kindern und Eltern, die bei den Diabetikern Niedersachsen organisiert sind, besondere Erlebnisse zu ermöglichen – Ausflüge in Freizeitparks, Tierparks oder in die Eishalle. Mein absoluter Traum wäre es, wenn die Kleinen mal zusammen Schlittschuh laufen gehen und vielleicht sogar ein paar Eishockey-Profis sie dabei an die Hand nehmen. Das Leuchten in den Augen der Kinder, das ist mein Antrieb.

Wenn du am Ende der Saison im März vom Rad steigst – wann ist das Projekt für dich ein Erfolg gewesen?

Sven: Natürlich hoffe ich auf eine stolze Summe, aber wenn ich am Ende der Reise auch nur ein einziges Kind mit Diabetes dazu motiviert habe, sich aufs Rad zu setzen und selbstbewusst zur KiTa oder zur Schule zu fahren, dann strahlen nicht nur die Augen des Kindes, sondern auch meine.

 

Svens Tour kann live auf Instagram verfolgt werden. Wer ihm ein Quartier oder einen Tee anbieten möchte, kann ihn dort direkt kontaktieren: sven.krass