Grippeschutzimpfung

Nachgefragt: Wird der Influenza-Impfstoff knapp?

|   LV NiedersachsenMeldung

Menschen mit Diabetes sollten sich gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie gegen Grippe impfen lassen. Doch vielerorts ist das derzeit nicht möglich. Wie immer wieder an uns herangetragen wird, herrscht vielerorts bereits jetzt ein Mangel an Impfstoff. Weshalb gibt es diese Engpässe? Und kommt noch Nachschub? Wir haben nachgefragt und Antworten erhalten.

Die Grippeschutzimpfung gehört zur Vorbereitung auf die kalte Jahreszeit wie die Umrüstung des Autos auf Winterreifen. Für Menschen mit Diabetes gilt das in besonderem Maße: „Die Virusgrippe (Influenza) und Pneumokokken-Erkrankungen sind Infektionskrankheiten, die für Diabetiker besonders gefährlich sind“, erläutert Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). „Deshalb sollten sie sich dagegen impfen lassen.“

Doch so einfach ist das nicht. Jedenfalls nicht im Corona-Jahr 2020. Denn wer in letzter Zeit in den Arztpraxen nach einer Grippeschutzimpfung fragte, erhielt nicht selten die Antwort: „Wir haben leider keinen Impfstoff mehr da.“ Was ist da los? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie verlief die Vorbereitung auf die Grippeschutzimpfsaison 2020?

Grundsätzlich beginnt die Vorbereitung auf eine Grippesaison spätestens im vorangehenden Frühjahr. Denn dann werden bereits die Impfdosen für den Herbst bestellt. Dies ist nötig, damit die Pharmaunternehmen die Produktion planen können. Denn die Herstellung von Grippeimpfstoff dauert fünf bis sechs Monate. „In diesem Jahr sind von den Arztpraxen in Deutschland 18 Millionen Impfdosen bestellt worden“, erläutert Dr. Mathias Grau, Inhaber der Rats-Apotheke in Horneburg und stellvertretender Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen (LAV). „Die Hersteller haben noch einmal ein zehnprozentiges Polster daraufgelegt, weshalb wir über insgesamt 20 Millionen Impfdosen sprechen. In den Jahren zuvor sind maximal 15 Millionen Impfdosen bestellt worden. Wir haben also grundsätzlich schon einmal ein deutliches Plus. Die Bundesregierung hat dann noch einmal sechs Millionen Impfdosen zusätzlich erworben.“

Warum ist dennoch vielerorts kein Impfstoff zu haben?

Das lässt sich wohl mit dem Wort „Corona“ zusammenfassen. Gerade Risikopatienten, für die sowohl COVID-19 als auch Influenza eine besondere Gefahr bedeuten und für die eine Doppelerkrankung eine ultimative Lebensgefahr darstellen würde, wird dringend zu einer Impfung geraten. Zudem haben COVID-19 und Influenza zunächst ähnliche Symptome. Daher lassen sich derzeit auch ungewöhnlich viele Menschen gegen Grippe impfen, die sichergehen wollen, eine mögliche Infektion nicht zu verwechseln. „Der Stand der Dinge ist, dass die bislang von den Ärzten bestellen Dosen ausgeliefert wurden. In den Apotheken ist derzeit also praktisch kein Impfstoff mehr vorhanden“, sagt Dr. Grau. Ein ähnliches Bild ergibt sich ganz offensichtlich auch in den Praxen: „Derzeit melden sich bei der KVN tatsächlich viele Ärztinnen und Ärzte, die aktuell über fehlenden Grippeimpfstoff klagen“, so Detlef Haffke. „Dies sind in erster Linie Praxen aus Ballungsräumen, weniger Praxen aus ländlichen Regionen.“

Wie geht es jetzt weiter?

Derzeit prüft das dafür zuständige Paul-Ehrlich-Institut stichprobenartig die sechs Millionen zusätzlich georderten Impfdosen. „Sobald die Freigabe da ist, gehen die Bestellungen an die Apotheken und dann weiter an die Arztpraxen“, so Dr. Grau. „Es sind also noch Reserven da.“ Darüber hinaus haben sich offenbar auch viele Ärzte an die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gehalten. Diese besagt, dass die beste Zeit für eine Grippeschutzimpfung die Zeit von Ende Oktober bis Mitte Dezember ist. Das bedeutet: Es lohnt sich, in den Praxen nachzufragen, ob sie tatsächlich keinen Impfstoff mehr haben oder ob sie noch gar nicht angefangen haben zu impfen und die Dosen dort noch quasi unangetastet im Kühlschrank liegen.

Könnte man kurzfristig noch Impfstoff herstellen?

Nein, das geht leider nicht. Die meisten Vakzine werden auf bebrüteten Hühnereiern hergestellt. Und das dauert eben Zeit – wie etwas weiter oben bereits erwähnt rund fünf bis sechs Monate. „Man hätte mit Blick auf die Corona-Pandemie im März oder April reagieren und bei den Impfstoff-Herstellern eine größere Produktion anfragen können“, kritisiert Dr. Grau. „Wenn das entsprechend früh passiert wäre, gäbe es jetzt noch einmal die Möglichkeit, nachzubestellen. Da der Zeitpunkt allerdings verpasst wurde, ist es dafür nun zu spät. Der nachproduzierte Impfstoff wäre ja schließlich frühestens im April fertig. Es bleibt also bei den insgesamt 26 Millionen Dosen für Deutschland.“

Wäre es möglich, nicht verwendete Impfdosen aus der letzten Grippesaison zu verwenden?

Auch das geht leider nicht. „Anders als beispielsweise das Coronavirus durchläuft ein Grippevirus eine permanente Mutation“, erklärt Dr. Grau. „Es gibt verschiedene Stämme und die ändern jährlich ihre Struktur. Damit sind die Impfdosen aus der Vorsaison also nicht mehr zu gebrauchen.“

Fazit: Patientenvertretung muss künftig den Druck erhöhen

Arnfred Stoppok, Landesvorsitzender des Diabetiker Niedersachsen e.V., zieht ein Fazit: „Bereits im Frühjahr haben Experten auf einen drohenden Impfstoffmangel hingewiesen. Dies wäre der Zeitpunkt für Politik und Medizin zum Handeln gewesen. Leider haben weder die Ärzte aus Angst vor Regressansprüchen die Vorbestellungen signifikant erhöht, noch hat die Politik den Weg frei gemacht für Maßnahmen wie das unbürokratische Impfen in der Apotheke.

Die Versäumnisse müssen jetzt Risikogruppen, wie wir Menschen mit Diabetes, ausbaden. Die Politik muss sich dringend besser aufstellen im Bereich der Epidemiologie, denn nach den Engpässen bei den Mund-Nasen-Masken ist dies schon das zweite grobe Versagen im Angesicht einer bedrohlichen Pandemie. Für dieses Jahr bleibt uns nur, den Betroffenen weiter zu erhöhter Vorsicht zu raten, besonders wenn sie beim Impfen leer ausgehen. Unsere Lehre für die Zukunft lautet, dass wir als Patientenvertretungen offensiver an Politik und Medizin herantreten müssen, um die Chancen für planvolles und prophylaktischeres Handeln der Verantwortlichen zu erhöhen.“