Unsere Abhängigkeit von chinesischen Wirkstofflieferungen ist bekannt - doch wie groß ist das Risiko wirklich? Eine neue Studie des Pharmaverbands Pro Generika liefert erstmals konkrete Antworten: Ein Stresstest exemplarischer Wirkstoffe zeigt, wo ein Exportstopp besonders weh tun würde.
Auch Diabetesmedikamente wären betroffen
Deutschland ist bei vielen Arzneien auf China angewiesen. Ein Lieferstopp von Wirkstoffen, die für die Herstellung von Generika gebraucht werden, würde große Lücken in die Arzneiversorgung in Deutschland reißen, so die Auswertung.
Bei der Erhebung wurden 56 Wirkstoffe untersucht, die besonders wichtig sind. Das Ergebnis: 68 Prozent der in Europa verwendeten Wirkstoffe stammen aus Asien, vor allem aus China und Indien. Bei über einem Drittel ist der Anteil chinesischer Hersteller so hoch, dass bei einem Lieferstopp die Versorgung in Gefahr wäre. Neben Antibiotika und Schmerzmittel besonders betroffen: Medikamente für Menschen mit Diabetes.

Was sind Generika?
Generika sind Nachahmerprodukte von Arzneimitteln, die ehemals patentgeschützt waren. Ist der Patentschutz abgelaufen, was meistens nach zwanzig Jahren der Fall ist, dürfen auch andere Hersteller die Arzneimittel auf den Markt bringen. Diese sind deutlich günstiger. Was den Wirkstoff, die Wirkstärke und die Darreichungsform betrifft, entsprechen Generika dem Original. Sie können sich davon jedoch in den enthaltenen Hilfsstoffen unterscheiden. Generika tragen meist nur den Wirkstoffnamen sowie zusätzlich den Herstellernamen.

Sparpolitik führte zu Abwanderung aus Europa
Europas jahrzehntelange Sparpolitik bei Generika hat zur Abwanderung aus Europa geführt - und China bei der Entwicklung zum Marktführer geholfen. „Ein kurzfristiger Ausbau eigener Kapazitäten ist technisch nicht möglich“, so Auszüge aus dem Bericht.
Aus staatlichen chinesischen Quellen geht hervor, dass die Marktführerschaft in der Generika-Produktion die Folge strategischer Industriepolitik ist. Interne Debatten zeigen: Die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten wäre möglich - ähnlich wie bei den seltenen Erden, die als Druckmittel benutzt wurden.

Abhängigkeiten sollten dringend beseitigt werden
Die Autoren der Studie für Pro Generika kommen unter anderem vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem European Union Institute for Security Studies. Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, fordert ein Einschreiten der Politik, um Abhängigkeiten zu verhindern: „Die Politik darf nicht zulassen, dass wir genau so enden wie beim russischen Gas.“
Pharmaverbände wie Pro Generika fordern seit Jahren weniger strikte Vorgaben von der Politik, was die Regulierung der Arzneipreise betrifft. Sie machen Kostendruck dafür verantwortlich, dass sich Hersteller in Deutschland etwa aus der Produktion von Fiebersäften oder Penicillin zurückgezogen und das Feld anderen Ländern überlassen haben.
Was innovative Arzneimittel betrifft, habe Europa derzeit noch einen Vorsprung. Doch China sei dabei aufzuholen, warnt Pro Generika. Deutschland müsse dringend seine Produktionsstandorte sichern, Lieferketten breiter aufstellen und Innovationen fördern.


