Versandhandel mit Arzneimitteln

„Existenzgefährdender Wettbewerbsnachteil für die deutschen Apotheken“

|   LV NiedersachsenMeldung

In Niedersachsen gibt es immer weniger Apotheken. Ein Grund ist die Online-Konkurrenz. Um weiter ein Netz von Vor-Ort-Apotheken zu gewährleisten, bedarf es der „Wiederherstellung der Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln“ , sagt Ina Bartels vom Landesapothekerverband Niedersachsen.

Es gibt Sätze, die man so oft gehört oder gelesen hat, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Die im Heilmittelwerbegesetz festgeschriebene Aufklärungszeile „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ gehört sicher dazu. Dabei ist der direkte Kontakt zum Apotheker – oder zur Apothekerin – des Vertrauens mittlerweile in immer weniger Fällen möglich.

Denn es gibt ganz einfach immer weniger Apotheken. Allein in Niedersachsen standen im Jahr 2019 sechs Apothekenneueröffnungen ganze 37 Schließungen gegenüber. In den vergangenen Jahren schlossen zwischen Nordsee und Harz insgesamt 241 Apotheken – ein Rückgang von über elf Prozent. Die Gründe sind unterschiedlich. Bisweilen ist es schwer, einen Nachfolger zu finden. Speziell in ländlichen Regionen geht der Schwund der Apotheken mit dem Schwund der Arztpraxen einher.

Konkurrenz durch Online-Apotheken

„Gerade junge Apothekerinnen und Apotheker scheuen aufgrund unsicherer Rahmenbedingungen und der zunehmenden Bürokratie den Schritt in die Selbstständigkeit“, sagt Ina Bartels, Vorstandsmitglied und Patientenbeauftragte des Landesapothekerverbandes Niedersachsen. „Dazu kommt noch die Konkurrenz der Online-Apotheken, insbesondere durch die europäischen Arzneimittelversender.“

Besonders zu schaffen macht den Apotheken vor Ort dabei das Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2016, wonach ausländische Versandhändler nicht mehr an die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Arzneimittel gebunden sind. Seither ist der Online-Absatz von verschreibungspflichtigen Medikamenten sprunghaft gestiegen. „Diese Entwicklung macht sich natürlich auch im Umsatz der Apotheken vor Ort sowohl bundesweit als auch bei uns in Niedersachsen bemerkbar und bedroht deren wirtschaftliche Stabilität“, so Bartels, „Denn verschreibungspflichtige Arzneimittel machen bis zu 80 Prozent des Umsatzes einer Apotheke aus.“

Erreichbarkeit und kompetente Beratung

Nun ist es aber so, dass die Apotheke vor Ort vom persönlichen Gespräch bis zur Notfallversorgung Dinge leistet, die kein Online-Versand bieten kann. „Gerade chronisch erkrankte Menschen legen Wert auf eine gute Erreichbarkeit, unverzügliche Versorgung und kompetente Beratung durch die Apotheke vor Ort“, erklärt Bartels. Dies gelte umso mehr, da chronische erkrankte Menschen häufig mehrere Medikamente parallel einnehmen müssten. „In Deutschland kommt es jedes Jahr zu mehreren hunderttausend Krankenhauseinweisungen wegen vermeidbarer Medikationsfehler und zu erheblichen Zusatzkosten für das Gesundheitssystem“, so Bartels. „Diese Risiken können reduziert werden, indem die Gesamtmedikation des Patienten konsequent erfasst, pharmazeutisch analysiert und in einen konsentierten Medikationsplan überführt wird.“  

Allerdings schätzen natürlich nicht nur Chroniker die schnelle Erreichbarkeit und persönliche Betreuung. „Jeder Patient profitiert im akuten Krankheitsfall dank der Notdienstbereitschaft rund um die Uhr sowie auch an Feiertagen und Wochenenden von den Apotheken vor Ort“, so Bartels. „Gerade junge Eltern sind dankbar, wenn sie mitten in der Nacht schnell pharmazeutische Unterstützung für ihre kleinen Patienten erhalten können. Der persönliche Kontakt spielt in all diesen Fällen eine immens wichtig Rolle, da der Apotheker den Patienten wahrnimmt und sich in der Beratung individuell auf ihn einstellen kann.“

„Wiederherstellung der Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln“

Um die Apotheken vor Ort zu stärken, hatte die Landesdelegiertenkonferenz der Diabetiker Niedersachsen sich bereits 2017 für ein generelles Verbot des Versandhandels mit Medikamenten ausgesprochen. Gesundheisminister Jens Spahn entschied sich zuletzt allerdings gegen ein solches Verbot. Er hat stattdessen vor, Regelungen zur Einhaltung des einheitlichen Abgabepreises für Arzneimittel im Sozialgesetzbuch zu verankern. Basis ist das geplante „Gesetz zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken“.

Demnach ist auch mehr Geld für Notdienste geplant, zudem sollen unter anderem auch verstärkt pharmazeutische Dienstleistungen – etwa die intensive pharmazeutische Betreuung bei einer Krebstherapie oder die Arzneimittelversorgung von pflegebedürftigen Patienten – von den Apothekern angeboten werden können. „Das Gesetz enthält viele gute Ansätze“, sagt Bartels – und unterstreicht noch einmal: „Besonders wichtig für uns ist die Wiederherstellung der Gleichpreisigkeit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Denn hier ist nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 16. Oktober 2016 ein existenzgefährdender Wettbewerbsnachteil für die deutschen Apotheken entstanden.“

Stabile wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen benötigt

Um ein flächendeckendes Netz an Vor-Ort-Apotheken sicherzustellen, müsse eine Sicherheit und Planbarkeit für Apothekeninhaberinnen und -inhaber gewährleistet sein, so Bartels: „Dafür brauchen wir stabile wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen. Hier ist also der Gesetzgeber gefragt. Ehe diese nicht gegeben sind, ist die Bereitschaft, in die Betriebe zu investieren, gering. Ohne entsprechende Planungssicherheit werden auch junge Apotheker kaum ein großes Interesse haben, eine Apotheke zu übernehmen.“

Für die Menschen vor Ort wäre es wichtig, dass sie es wieder tun. Denn nur dann gibt es nicht nur Medikamente, sondern eben auch das beruhigende Gefühl der Nähe, des persönlichen Gesprächs und natürlich der Möglichkeit, zu möglichen „Risiken und Nebenwirkungen“ den Apotheker fragen zu können.