Die Daten der Diabetes-Surveillance des RKI lassen keinen Spielraum für Interpretationen: Es existiert ein direkter Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status (SES) und der Diabetes-Prävalenz (Wahrscheinlichkeit an Diabetes zu erkranken). Einfach gesagt: Die ärmsten Menschen erkranken signifikant häufiger und leiden öfter unter schweren Folgeerkrankungen als solche aus wohlhabenderen Bevölkerungsschichten.
Dieser „soziale Gradient“ ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Wenn Bildung und Einkommen über die Stoffwechseleinstellung entscheiden, versagt das Versprechen einer solidarischen Gesundheitsversorgung. Wir fordern, dass Präventionskonzepte nicht nur die ohnehin gesundheitsbewussten Schichten erreichen, sondern dort ansetzen, wo die Belastungen am höchsten sind.
Versorgungslücken im ländlichen Raum
Ein Blick in den Diabetes-Atlas des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) offenbart eine medizinische Zweiklassengesellschaft nach Geografie. In den nördlichen und östlichen Bundesländern sowie in strukturschwachen Kommunen ist die Krankheitslast deutlich höher als im Süden. Gleichzeitig zeigt der Versorgungsatlas, dass genau in diesen Gebieten die Dichte an DDG-zertifizierten Fachpraxen oft am geringsten ist.
Es ist inakzeptabel, dass Patienten in ländlichen Regionen weite Wege und lange Wartezeiten für eine spezialisierte Betreuung in Kauf nehmen müssen, während die Morbidität vor Ort steigt. Die wohnortnahe, hochqualifizierte Versorgung muss unabhängig von der kommunalen Finanzkraft sichergestellt werden.
Für faire Chancen im Beruf

„Medizinische Fortschritte haben die Stoffwechselkontrolle von Diabetes grundlegend verändert“, so die aktuelle Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“. Dank moderner Technik und Schulungen ist das Risiko für Unterzuckerungen im Straßenverkehr in den letzten Jahren deutlich gesunken. Das Risiko von Autounfällen bei Menschen mit Diabetes ist deswegen mittlerweile nur noch leicht erhöht.
Trotz dieser Entwicklung bestehen in Deutschland weiter pauschale Ausschlüsse von bestimmten Berufen für Menschen mit insulinpflichtigem Diabetes, unter anderem bei Polizei, Bundeswehr oder in Teilen der Luft- und Seefahrt. Dazu hat Ärzteverband Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) kürzlich erklärt: Pauschale Berufsverbote widersprechen dem Gleichheitsgebot des Grundgesetzes sowie dem Arbeitsschutzgesetz. Arbeitsmedizinische Beurteilungen müssten individuell und arbeitsplatzbezogen erfolgen. Eine Diagnose allein dürfe kein Ausschlusskriterium sein. Entscheidend seien die individuelle Stoffwechseleinstellung, die Schulung und das konkrete Risiko des Einzelnen.
Dem können wir uns aus Patientensicht nur unumwunden anschließen.
Frauen im diagnostischen Schatten
Besonders alarmierend sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Versorgungsrealität. Studien zeigen, dass Typ-2-Diabetes bei Frauen häufig später diagnostiziert wird als bei Männern, was das Risiko für unerkannte Folgeschäden erhöht. Der Grund dafür liegt in der Diagnostik selbst: Der klassische Nüchtern-Plasmaglukose-Test schlägt bei Frauen oft später an, während ihre Zuckerwerte nach dem Essen bereits gefährliche Spitzen erreichen. Da der orale Glukosetoleranztest (oGTT) im Praxisalltag seltener eingesetzt wird als die einfache Nüchternmessung, bleibt die Erkrankung bei Frauen länger unentdeckt – mit fatalen Folgen für die Gefäße.
In akuten Notfällen und gefährlichen Komplikationen zeigt sich die Benachteiligung von Patientinnen am deutlichsten. Während Diabetes das Herzinfarktrisiko bei Männern etwa verdoppelt, steigt es bei Frauen durch die Erkrankung um das Vier- bis Fünffache. Dennoch werden Frauen in diesen kritischen Situationen nachweislich schlechter versorgt, denn sie zeigen bei Infarkten häufiger „atypische“ Symptome wie Übelkeit, Kurzatmigkeit oder Rückenschmerzen statt des „männlichen“ Vernichtungsschmerzes in der Brust.
Die Daten zeigen zudem, dass Frauen mit Diabetes nach einem kardiovaskulären Ereignis seltener leitliniengerechte Medikamente wie Statine, ACE-Hemmer oder Thrombozytenaggregationshemmer (z. B. Aspirin) verschrieben bekommen als Männer. Frauen leiden auch häufiger unter Nebenwirkungen der Standard-Diabetesmedikamente, was oft zu einer geringeren Therapietreue führt, ohne dass die Medikation geschlechtsspezifisch angepasst wird.

Versorgungsloch bei Schwangerschafts-Diabetes
Ein eklatantes Versorgungsloch klafft zudem beim Schwangerschafts-Diabetes ("Gestationsdiabetes"). Obwohl das Risiko, nach einer solchen Erkrankung innerhalb von zehn Jahren einen manifesten Typ-2-Diabetes zu entwickeln, bei bis zu 50 Prozent liegt, bricht die medizinische Beobachtung nach der Entbindung oft vollständig ab.
Wir fordern deshalb verpflichtende Nachuntersuchungen nach Schwangerschaftsdiabetes, die über die digitale Patientenakte (ePA) sektorenübergreifend getrackt werden, mehr Sensibilisierung von Medizinern für die unterschiedliche Symptomlast bei Frauen und frauenspezifische Therapieziele, gedeckt durch geschlechtergerechte Leitlinien.
Prävention ist Pflicht, nicht Kür
Die bisherigen Appelle an die Eigenverantwortung greifen zu kurz, solange die Lebensumwelt die Entstehung von Diabetes begünstigt und geradezu fördert. Wir fordern, dass in der Gesundheitspolitik, jedes politische Handeln auf seine gesundheitlichen Auswirkungen geprüft wird!
Konkret fordern bedeutet das, dass wir uns mehr steuerliche Lenkungswirkung wünschen: Eine Senkung oder Streichung der Mehrwertsteuer für gesunde Lebensmittel und eine Abgabe auf überzuckerte Getränke, um gesunde Ernährung für alle Einkommensklassen erschwinglich zu machen, sind in anderen Ländern erprobte und erfolgreiche Konzepte. Eine verpflichtende, leicht verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln, die auch für Menschen mit geringerer Gesundheitskompetenz barrierefrei funktioniert, sollte die Maßnahmen begleichten.




