Die Diagnose Typ-1- oder Typ-2-Diabetes bedeutet für sehr viele Menschen eine enorme Lebensumstellung. Selbstzweifel, Ängste, Schuldgefühle und Scham quälen viele mit dieser chronischen Erkrankung. Immer das Essen im Blick zu halten, an Tabletten (und Insulin) zu denken, Angst vor Unterzuckerungen oder Folgeerkrankungen von Diabetes - mit Diabetes Distress bezeichnet man die seelische Belastung durch den Umgang mit der Krankheit. Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 denken Erwachsene mit Diabetes alle zwölf Minuten an ihre Krankheit.

Menschen mit Diabetes an der Erstellung der Leitlinien beteiligt
Die jetzt von der European Association for the Study of Diabetes (EASD) verfasste Leitlinie mit dem Namen „2026 EASD evidence-based clinical practice guideline for assessing and managing diabetes distress among adults with type 1 diabetes and type 2 diabetes“ versucht Mediziner, die Menschen mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes betreuen, für Diabetes Distress zu sensibilisieren, um ihnen besser helfen zu können. Bei der Entwicklung dieser neuen Leitlinie waren von Beginn an Menschen mit Diabetes aktiv eingebunden.

Was ist Diabetes Distress?
Diabetes ist eine chronische Erkrankung, die tagtäglich Anforderungen an jeden Einzelnen stellt, denn die Diagnose Diabetes verändert den Alltag. Menschen mit Diabetes leiden überdurchschnittlich häufig unter Distress. Damit ist im Gegensatz zu Eustress „negativer Stress“ gemeint. Die Verantwortung für die eigene Krankheit ist hoch, denn von der richtigen Behandlung hängt die eigene Gesundheit ab. Bei Anzeichen von Diabetes Distress ist es deswegen wichtig, zu reagieren, damit das Gefühl von Überforderung nicht dazu führt, dass die Therapie vernachlässigt oder verweigert wird, was die Gefahr von Folgeerkrankungen von Diabetes erhöht. Außerdem ist bei Dauerstress die Gefahr für eine Depression erhöht.

Zwei Ziele: Psychische Belastungen erkennen …
Die neue Leitlinie hat zwei Ziele im Fokus. Zum einen sollen die Ärzte sich künftig ein genaueres Bild vom psychischen Zustand ihrer Patienten mit Diabetes machen. Dazu gehört, dass sie künftig regelmäßig auch nach der emotionalen Verfassung fragen. Je nach emotionalem Zustand kann dann beispielsweise eine Selbsthilfegruppe empfohlen werden oder eine psychische Betreuung erfolgen, etwa in Form von Psychotherapie.
… und den Betroffenen Unterstützung bieten
Liegt Diabetes Distress vor, sollte zum anderen gemeinsam mit dem Patienten überlegt werden, welche Therapieformen eventuell besser in den Alltag zu integrieren wären. Ein Beispiel wären Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung, um das schmerzhafte Stechen in die Fingerkuppe zu umgehen.

Trotz Fortschritten hat sich die emotionale Belastung nicht verringert
Trotz enormer Fortschritte bei Therapien und Technologien habe sich die emotionale Belastung durch Diabetes nicht verringert, so die Präsidentin der EASD Prof. Dr. Chantal Mathieu. „Diese Leitlinie trägt dieser Realität Rechnung und erinnert uns daran, dass eine gute Diabetesversorgung sowohl den Blutzuckerspiegel als auch die gelebte Erfahrung mit der Erkrankung berücksichtigen muss. Diese Leitlinie ist ein Meilenstein, um sicherzustellen, dass das emotionale Wohlbefinden zu einem zentralen Bestandteil der Diabetesversorgung wird.“


